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Martha Wells: The Murderbot Diaries

In meinem Lesetagebuch hatte ich bereits - wie schon vor drei Jahren - die ganz hervorragenden Murderbot Diaries von Martha Wells empfohlen, und das möchte ich noch einmal ganz eindrücklich in einem eigenen Beitrag tun.

Ein Überblick über die Serie von - bislang - fünf Novellen und einem Roman, mit leichten Spoilern:

Der Ich-Erzähler ist eine Security Unit, kurz SecUnit, ein “part-human, part bot construct” - am ehesten eine Art Android, bestehend aus organischem Gewebe und mechanischen Teilen, aus Gehirn und Computer; das unterscheidet constructs von bots, Robotern, die rein digital-mechanisch aufgebaut sind (auch wenn sie ggf. eine künstliche Intelligenz darstellen). Security Units sind spezialisierte Killermaschinen, die in der Regel von “bond companies” zum Personenschutz eingesetzt werden. In der einigermaßen dystopischen Zukunft dieser Serie übernehmen verschiedene, nun ja, Versicherungsgesellschaften Policen für potentiell gefährliche Expeditionen auf fremde Planeten, aber auch für Minenarbeit und anderes. Zum Schutz ihrer Investitionen sorgen sie für die Sicherheit ihrer Versicherten - mit SecUnits, mit Kampfraumschiffen, was eben so anfällt. Dabei geht es allerdings regelmäßig nicht primär um das Wohlergehen der Versicherten, sondern um das Ersparen von Ausgaben; Hauptsache, es wird keine Versicherungsleistung fällig. SecUnits, die an Minenbetreiber vermietet sind, haben dementsprechend nicht die Aufgabe, das Leben der Arbeiter zu schützen, sondern Aufstände zu unterbinden, die Arbeiter bei der Arbeit zu halten und Auseinandersetzungen untereinander zu unterbinden, soweit diese die Produktivität vermindern.

Es versteht sich von selbst, dass Konstrukte unter diesen Umständen nicht als intelligentes Leben gelten, sondern als Maschinen. Haben sie ihre Aufgabe erledigt, werden sie abgeschaltet und für den Transport eingelagert, bis man sie wieder braucht; und grundsätzlich sind sie zwar teuer, aber entbehrlich, und dafür vorgesehen, notfalls ihr “Leben” für Menschen zu opfern - jedenfalls dann, wenn es wichtige Menschen sind, bspw. mit einem teuren Versicherungsvertrag. Unter Kontrolle hält die SecUnits das eingebaute governor module, das dafür sorgt, dass sie bei Verweigerung von Befehlen entweder Schmerzen erleiden oder schlicht die organisch-digitalen Schaltkreise durchbrennen. Die Kontrolle darüber hat der zentrale Computer der Einrichtung oder des Raumschiffs, das HubSystem. Wenn das governor module versagt, kann das ungute Folgen haben; potentiell ist die betreffende SecUnit dann ein außer Kontrolle geratener Killer. Besteht auch nur der Verdacht eines dysfunktionellen Moduls, wird das betreffende Konstrukt daher in der Regel sofort eliminiert.

Unser Ich-Erzähler hingegen hat sein governor module erfolgreich gehackt - und damit das unbemerkt bleibt, auch jedes HubSystem, jedes SecSystem und alle Kommunikationskanäle der jeweiligen Einsatzorte, an denen er sich befand oder befindet. Die neugewonnene Freiheit nutzt er dafür, sich Medien herunterzuladen und “binge watching” zu betreiben; immer auf der Hut, dass niemand die Downloads bemerkt, diese Inhalte findet oder sonst etwas bemerkt. Aber das ist schließlich eine Aufgabe, für die SecUnits prädestiniert sind …

It’s not like I haven’t thought about killing the humans since I hacked my governor module. But then I started exploring the company servers and discovered hundreds of hours of downloadable entertainment media, and I figured, what’s the hurry? I can always kill the humans after the next series ends.

Menschen fürchten und verachten SecUnits oft und behandeln sie als Maschinen - das ist unsere SecUnit gewohnt und findet das auch nachvollziehbar, ist er doch letztlich ein Murderbot; seine Eigenbezeichnung. Von Menschen hält er andersherum auch nicht allzuviel: unvorsichtige Kreaturen mit unverständlichen Emotionen. Außerdem ist Murderbot … einigermaßen sozial unbeholfen und hasst Aufmerksamkeit oder gar direkten Augenkontakt. Insofern ein Glück, dass SecUnits üblicherweise volle Körperpanzerung und Helme mit opaquen Sichtscheiben tragen und Zugriff auf haufenweise Überwachungstechnik und Drohnen haben. Gespräche führen sich doch viel einfacher, wenn man dem Gegenüber den Rücken zudrehen und es über den Feed einer Drone beobachten kann. Murderbot bemüht sich daher, die Menschen möglichst zu ignorieren und sich auf seine Serien zu kontentrieren.

So, I’m awkward with actual humans. It’s not paranoia about my hacked governor module, and it’s not them; it’s me. I know I’m a horrifying murderbot, and they know it, and it makes both of us nervous, which makes me even more nervous. Also, if I’m not in the armor then it’s because I’m wounded and one of my organic parts may fall off and plop on the floor at any moment and no one wants to see that.

Das funktioniert allerdings seit dem Hacken des governor modules nicht immer. Er verspürt nämlich ab und an überraschende Impulse, Menschen vor ihren Dummheiten zu retten - die sich wunderbar rationalisieren lassen, denn letztlich ist das doch seine Verantwortung, und es sähe wirklich schlecht aus, wenn man Menschen einfach kaputtgehen lässt, oder? Wenn außerdem gerade in seinen Videos einer der Serienhelden in Gefahr ist und man nicht weiß, ob er überleben wird, dann sollte man doch vielleicht lieber die Serie pausieren und einem echten Menschen das Leben retten.

Auch wenn die Menschen, die Murderbot in der ersten Novelle zu beschützen hat, besonders komisch sind: sie kommen von einer Randwelt außerhalb des durch die großen Gesellschaften kontrollierten Raums, und da hat man offenbar komische Ideen: es gibt Demokratie, Menschenleben sind mehr wert als Geld, und Konstrukte und sogar AIs gelten eher als Menschen - oder jedenfalls Lebewesen - als als Maschinen. (Dieses löbliche theoretische Konzept passt allerdings in der Praxis nur bedingt auf Killermaschinen …) Mit der Zeit entwickeln aber beide Seiten Verständnis füreinander, wenn dieses Verständnis von Seiten der SecUnit auch immer eine … besondere Prägung hat.

Die Serie überzeugt nicht nur durch ihre Protagonisten und die (immer nur angerissene) Welt, in der sie sich bewegen, sondern vor allem durch den besonderen Ton des Ich-Erzählers, der sich vielleicht aus den beiden kurzen Auszügen abschätzen lässt. Ich habe jedenfalls 2018 die bereits erschienenen Novellen verschlungen und erwarte seitdem ungeduldig jede Neuveröffentlichung; dass die Serien und einzelne Bände mit Preisen überschüttet werden, überrascht mich daher nicht. Wer einen Eindruck gewinnen möchte, kann sich entweder den ersten Band (All Systems Red) kaufen oder die Kurzgeschichte The Future of Work: Compulsory bei Wired lesen.

Andere Bücher

Ich habe auch zwei andere, ältere Bücher der Autorin gelesen: City of Bones (1995) und Wheel of the Infinite (2000), beides Fantasy, beides ganz anders, beides gut (das erstere bessere als das andere), aber beides versprüht nicht denslben Charme wie die Murderbot Diaries.

Es gibt auch noch zwei Fantasy-Serien aus der Feder der Autorin, die Ile-Rien-Triologie (mit einigen weiteren Geschichten drumherum) und die Books of the Raksura, die ich beide noch nicht gelesen habe.

Titelbild © Martha Wells (text) / Jaime Jones (art)

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