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Modeaccessoire statt Infektionsschutz

Die COVID-19-Pandemie kann einen ab und an schon zur Verzweiflung bringen: die Pandemie und die erkrankten, dauerhaft beeinträchtigten und verstorbenen Menschen selbst, die mit den Bekämpfungsmaßnahmen verbundenen Einschränkungen, die ganze Gewerbezweige in den Ruin zu treiben drohen, die Einschränkungen und Folgen für einen ganz selbst und persönlich - aber auch die oft wenig konsequenten und nachvollziehbaren und dazu ständig wechselnden Maßnahmen und nicht zuletzt die Reaktionen darauf und die Spaltung in der Bevölkerung, die sich in Gruppierungen wie den “Querdenkern” zeigt, aber auch durch Familien und Freundeskreise geht.

Auch die staatlichen Maßnahmen haben in den vergangenen Monaten nicht immer durch große Überzeugungskraft geglänzt. Warum betreibt man den öffentlichen Personennah- und -fernverkehr, wenn dort oft nicht gelüftet werden kann und Abstände kaum einzuhalten sind? Warum bleiben Schulen, Horte und Kindertagesstätten geöffnet, teilweise ohne die Einhaltung von Mindestabständen und durchgehende Maskenpflicht, wenn die Infektiosität von Kindern und Jugendlichen nicht relevant geringer ist als bei Erwachsenen und insbesondere längerer Aufenthalt in geschlossenen Räumen mit geringen Abständen und ohne Masken gefährlich ist? Warum schließt man monatelang die Gastronomie und viele Geschäfte, schränkt aber die Ein- und Ausreise (und auch innerstaatliche Reisen) kaum ein? Natürlich gibt es für fast jede Maßnahme einen Grund, aber nicht immer ist dieser Grund überzeugend - und vor allem passen Prioritätensetzungen oftmals nicht richtig zueinander.

Weit übertroffen wird das staatliche Chaos dann durch das private. Die einen wollen sich nicht impfen lassen (oder nicht jetzt, oder nicht mit diesem oder jenem Impfstoff), die anderen müssen unbedingt auch mitten in der Pandemie den Familienurlaub mit dem Flieger ins Ausland durchziehen oder - endlich können wir wieder leben! - engumschlungen Großveranstaltungen besuchen. Sei es, wie es sei: was ich besonders schlecht verstehen kann sind die Probleme beim Tragen von Masken, sei es in Form von Mund-Nasen-Schutz oder Behelfsmaske aus Stoff, in Form eines OP-Mundschutzes oder auch FFP2/3-Masken. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass eine schicke Stoffmaske oder der Mundschutz am Rückspiegel des Kfz das modische Accessoire der Saison 2020/2021 geworden sei, dass aber das (richtige! konsequente!) Tragen desselben für den Durchschnittsbürger eine nicht zu bewältigende Aufgabe darstelle.

Es sollte dabei weder wissenschaftlicher Forschung noch großer Studien bedürfen, um zu verstehen, dass jede Form der Maske zumindest eine Verminderung der Ansteckungsgefahr bedeutet, und dass sowohl der Fremd- als auch der Eigenschutz umso besser wird, je höher die Filterwirkung der Maske ist und je dichter sie sitzt. Seitdem meine (straff und recht dicht sitzende) Stoffmaske den Anforderungen am Arbeitsplatz (medizinische Maske ist beim Verlassen des Einzelbüros im ganzen Gebäude zu tragen) und anderswo nicht mehr genügt, war deshalb der Wechsel auf eine FFP2-Maske die für mich einzig logische Reaktion; ein OP-Mundschutz kann schon prinzipbedingt nicht so dicht sitzen, dass er das Aus- und vor allem Einatmen von Aerosolen verhindert. In jedem Fall ist aber neben der Dichte des Stoffes auch die Dichtigkeit der Maske ein wesentlicher Faktor; ein locker vor dem Gesicht flatterndes Stück Stoff oder Filter ist wenig hilfreich, wenn die Luft beim Ein- und Ausatmen an allen Ecken und Seiten daran vorbeizieht.

Schon deshalb ist es mir schwer verständlich, warum es so en vogue ist, die Maske am oder unter dem Kinn zu tragen, solange man sie nicht tragen muss. Dass muss doch eigentlich dazu führen, dass die (oft elastischen) Bändsel ausleiern und die Maske dann in ihrer eigentlichen Position nicht mehr dicht sitzt. Und spätestens dann, wenn die Masken beim Tragen immer wieder herunterrutscht, kann sie nicht ausreichend dicht sitzen - und doch sieht man immer wieder beim Gespräch “rutschende” Masken. Zudem führt das regelmäßig dazu, dass das “Hochziehen” der Maske vergessen wird, oder dass sie nur vor dem Mund getragen wird, aber die Nase als Zinken darüber hängt - was die Wirkung weitgehend negiert. Genau das sieht man aber regelhaft, sowohl am Arbeitsplatz als auch in Geschäften als auch im ÖPNV als auch in Fernsehdokus, die neueren Datums sind und deshalb bereits zu Pandemiezeiten gedreht wurden. Was ist so schwer daran, die Maske entweder aufzuziehen (so, dass sie über Mund und Nase sitzt und unten am Kinn wie insbesondere oben an der Nase angeformt ist und so dicht wie möglich sitzt) oder abzunehmen? Ganz egal, ob man sie dann nur an einem Ohr herunterhängen lasst, ablegt oder in der Hand (oder der Tasche) trägt - alles ist besser als das Herumschieben im Gesicht. Dann merkt man nämlich auch bewusst, ob man die Maske nun trägt (aber richtig!) oder nicht.

Und dann ist mir auch noch nicht ganz klar, warum man die Maske im Freien dann unbedingt direkt herunterziehen oder abnehmen und (besonder schick) am Unter- oder Oberarm tragen muss (ganz abgesehen von Fragen der Hygiene). Es ist ja nicht so, dass es in irgendeiner Weise schädlich wäre, Maske zu tragen, auch dort, wo man es nicht zwingend muss. Bisher fahre ich mit einem ganz einfachen System gut: bevor ich aus dem Haus gehe, ziehe ich die Maske auf; im Auto ziehe ich sie ab; beim Aussteigen ziehe ich sie auf; und wenn ich in meinem Büro ankomme, ziehe ich sie wieder ab. Begebe ich mich auf den Flur, oder in einen anderen Raum, oder kommt jemand zu mir herein, ziehe ich die Maske auf. So bin ich immer richtig gekleidet und muss die Maske nicht gesondert von einem Ort zum anderen verbringen; denn am einfachsten lässt sie sich schlicht im Gesicht transportieren.

Und jedenfalls dann, wenn man keine schwere körperliche Arbeit leistet, ist das Tragen einer Maske auch kein Problem. Ich trage seit vielen Monaten Maske - ich habe letztes Jahr mit einer recht dicht sitzenden Stoffmaske mehr als drei Stunden auf einer Veranstaltung gesprochen (und in den Pausen alle 45 Minuten die Maske natürlich auch nicht abgenommen), ich trage regelmäßig mehrere Stunden am Stück FFP2-Masken, meistens einmal pro Woche fast den ganzen Arbeitstag mit nur kurzen Pausen (und einer längeren Pause über Mittag), und ich habe ein recht ausgeprägtes Asthma; das ist kein Problem. Weder erstickt man, noch schließt eine (ordnungsgemäß behandelte) obstruktive Atemwegserkrankung das Tragen einer dicht sitzenden Maske bei normaler Büro- oder Geschäftsarbeit (auch über mehrere Stunden oder den gesamten Arbeitstag mit kleinen Pausen) aus.

Umso weniger verstehe ich, ehrlich gesagt, das Verhalten. Ich habe einigermaßen Verständnis dafür, dass persönliche Einschränkungen - Reisen, enge Kontakte, Partys, Veranstaltungen - schwer fallen; ich kann jedenfalls gedanklich nachvollziehen, dass man sich mit einer Impfentscheidung schwer tut. Warum man nicht in der Lage sein sollte, zumindest immer dann eine Maske zu tragen, wenn man sich in einem geschlossenen Raum aufhält, in dem gleichzeitig, davor oder danach auch andere Menschen sind oder wenn man länger nahe mit anderen Menschen zusammen ist, und diese Maske dicht vor Mund und Nase zu ziehen … das verstehe ich nicht.

Und es ist m.E. auch nicht zu verstehen.

Titelbild © koldunova_anna - stock.adobe.com

[Nachträglich veröffentlicht im September 2021.]

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