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Hipster in your face

Seit anderthalb Jahren beziehen wir fast jede Woche ein Paket von Hello Fresh, und dort ist - wie heute üblich - gerne Werbung mit kostenlosen Lockangeboten für alles Mögliche beigelegt, so auch einmal für Rasierklingen: 4 Stück mit Rabatt für dann nur 8,- EUR. Das ist, wenn man die Preise für Marken-Rasierklingen kennt, wirklich günstig; nicht umsonst werden die so gerne geklaut, dass der hiesige Supermarkt sie nicht mehr im Regal hat, sondern nur an der Information ausgibt.

Ursprünglich habe ich mich nicht nass rasiert, sondern einen Rasierapparat benutzt, wie man es eben so in der Familie kennenlernt. Das hat eigentlich auch meist ganz gut funktioniert; auch während meiner Zeit bei der bewaffneten Post (Fernmeldetruppe OpInfo, heute “Truppe für Operative Kommunikation”), denn Übungen im Gelände - sei es in der Grundausbildung, sei es später mit den Fernmeldetrupps - gingen nie länger als zwei, vielleicht drei Tage, und so lange hielt der Akku immer durch. Vor allem funktionierte das auch ohne Spiegel unfallfrei; das hat mit der Nassrasur nicht bei jedem funktioniert, wie sich leicht sehen ließ. Außerdem hatte der Akkurasierer große Vorteile, wenn es morgens mal wieder etwas länger gedauert hat, aus dem Bett zu kommen: man kann sich dann nämlich - zum Entsetzen des Zugführers - beim morgendlichen Antreten noch Rasieren, jedenfalls, wenn man die Innentür des Windfangs im Blick hat und den Rasierer rechtzeitig verschwinden lässt, bevor der Spieß in Sicht kommt … aber ich schweife ab.

Auf Nassrasur habe ich 1995 umgestellt, als ich mich von einem Kollegen bei den Johannitern - der auch vielfältig anderweitig engagiert war - überreden ließ, für ihn eine Woche bei der sanitätsdienstlichen Betreuung eines Mädchen-Zeltlagers einzuspringen. (Das ist eine Geschichte für sich …) Zelten, Camping und ich passen sowieso nicht so recht zusammen, und ich wollte nicht riskieren, dass mich der Strom zwischendurch verlässt … also Nassrasur. Dabei bin ich dann auch geblieben, weil ich das damit verbundene Gefühl einer besonders gründlichen, aber auch erfrischenden Rasur schätzen gelernt habe. Begonnen hatte ich -vorsichtig - mit Klingen von Wilkinson, die hinter einem schützenden Gitter lagen (“Protector”, oder so), bin dann aber später zu Gillette gewechselt; über die Jahre wurden die Klingen immer elaborierter, aber auch immer teurer. Daher der Gedanke, vier günstige Klingen mitzunehmen; schaden kann das ja nicht.

Als dann der vergleichsweise einfache Rasierer - zur Befestigung mit einem Saugnapf an der Wand! - mit den vier Klingen von Boldking geliefert wurde und ich mir die beigelegte Werbung besah, entfuhr mir ein erschrockenes “Die Hipster sind los!”. Bei Texten wie

Ein flexibler Klingenkopf, der Haare versteht.
Folgt den Kurven Deines Körpers wie
eine Thai Masseurin. Perfekt für das
Rasieren abseits der Piste.

finde ich diese Reaktion aber auch einigermaßen verständlich … Jedenfalls dachte ich mir: “Augen zu und durch” - wie schlimm kann es schon werden?

Und nach der ersten Rasur musste ich feststellen, dass mein Gesicht noch nie so glatt rasiert war - und selten so wenig gereizt bzw. mit kleinen Schnittverletzungen versehen. Ich war begeistert. Selbst wenn ich mich einmal erst recht spät am Tage rasiere, so dass am nächsten Morgen nur wenige Bartstoppeln herumstehen, womit mein alter Rasierer große Schwierigkeiten hatte: die Hipster schaffen das ohne Probleme. Dazu gab es den einen oder anderen sinnvollen Ratschlag - der Tip, das Gesicht vor dem Rasieren mit warmen Wasser zu waschen, war mir bekannt; es danach kalt zu waschen noch nicht - und zum ersten Mal ein After-Shave-Gel, das ich auch wirklich verwenden mag.

Seit diesem Tag stapeln sich die auf Vorrat gekauften Klingen für meinen Gillette Mach irgendwas super-sensitive im Schrank, und ich lasse nur noch die Hipster in mein Gesicht. Dank der Möglichlkeit, sich monatlich (oder alle zwei oder drei Monate) mit neuen Klingen quasi im Abo versorgen zu lassen, bin ich auch immer gut gerüstet. Allerdings zeigt sich da auch, dass die Hipster ihre IT noch nicht völlig im Griff haben: man kann nämlich nur ein Abo bestellen. Jeden Monat neiue Klingen, aber nur alle drei Monate bspw. neues After-Shave funktioniert nicht. Sobald man das After-Shave mit einer Wiederholung alle drei Monate ordert, stellen sie auch die Lieferung der Klingen auf drei-monatlich um.

Insgesamt bin ich aber tatsächlich sehr, sehr zufrieden. Wer hätte das gedacht?

Titelbild © Fxquadro - stock.adobe.com

[Nachträglich veröffentlicht im November 2021.]

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Kommentare

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mitch am :

mitch

Jetzt machst Du mich aber neugierig und ich möchte mehr über die Fernmeldetruppe hören und über das Mädchenzeltlager ;-)

Meinen Kulturbeutel schmückt bis heute auch so ein Gilette-irgendwas. Damit habe ich damals zu Schulzeiten angefangen und wenn es mit dem THW (auch Fernmelderei und Führung) irgendwo hin ging, dann war ich mit dem Nassrasierer und Rasiergel aus der Dose zeltlagertauglich ausgerüstet.

Traditionell habe ich im Urlaub auf Rasur verzichtet, weil "ich hab ja Urlaub". (Aus ähnlichem Grund trage ich seit Ende der Schulzeit keine Uhr mehr am Arm: "Ich hab Zeit" ;-) Nach einem Spanien-Urlaub mit reichlich Bartsprieß hieß es dann von Seiten meiner Frau "aber der Bart bleibt jetzt dran".

Somit bin ich auf einen elektrischen Langhaarschneider gewechselt und dabei ist es geblieben: Drei-Zonen-Kürzung auf 6, 8 und 10mm. Der Nachwuchs hat mich noch nie ohne Bart gesehen.

Könnte man überhaupt mit Nassrasur/Klingen/Rasiermesser sinnvoll stutzen, statt komplett abzurasieren?

(Irgendwo mittendrin gab es auch eine (kurze?) Zeit der Elektrorasur, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, wann oder warum. Nur der Kantenschneider der Maschine ist weiterhin in Benutzung.)

Thomas Hochstein am :

Thomas Hochstein

Könnte man überhaupt mit Nassrasur/Klingen/Rasiermesser sinnvoll stutzen, statt komplett abzurasieren?

Vermutlich nicht - ich hab’s nie probiert. :-)

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